Seon-hyeong saß mit gesenktem Kopf da. Bisher hatte sie nicht im Geringsten daran gedacht, dass Hyeongsik ihr Ehemann werden könnte. Heute Morgen erst hatte Kim Jang-ro sie mit einem Lächeln angesehen und gefragt: »Lehrt Lee Seonsaeng Sie gut?« Auch damals hatte Seon-hyeong gleichgültig geantwortet: »Ja, er unterrichtet mich sehr freundlich.«
»Hältst du ihn für einen guten Menschen?«
Da erst hatte Seon-hyeong verstanden, dass die Worte ihres Vaters eine Bedeutung hatten. Einen Augenblick zögerte sie, aber da sie nicht antworten konnte, sagte sie: »Ja«, und wandte den Kopf ab. Danach hatte sie den ganzen Tag über Hyeongsik nachgedacht. Sie hatte überlegt, ob Hyeongsik ihr wirklich gefiel, ob sie wirklich den Wunsch hatte, seine Frau zu werden. Aber sie wusste nicht, wie es war. Mal schien ihr Hyeongsik vertraut, mal nicht. Deshalb hatte sie Sunae gefragt: »Sunae, ich glaube, zu Hause will man mich verheiraten. Was soll ich nur tun?« Sunae zeigte sich nicht besonders überrascht: »Mit wem?«
»Ich weiß es nicht genau. Vielleicht denkt man an eine Heirat mit Lee Seonsaeng …«
»Mit Lee Seonsaeng?«, wiederholte Sunae, nun doch überrascht. »Was redest du da?«
»Vorhin hat Vater mich seltsam angesehen und gefragt, ob ich ihn für einen guten Menschen halte …«
Sunae dachte einen Moment nach, dann fragte sie: »Also, was meinst du selbst, Schwester?«
Seon-hyeong legte den Kopf schief. »Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, wie mir ist. Was soll ich nur tun, Mädchen?«
»Das hängt ganz von dir ab. Wenn du ihn magst, heirate ihn, wenn nicht, dann nicht.«
»Wenn Vater es sagt, dann ist es entschieden.«
»Warum denn? Wenn du nicht willst, tust du es nicht. Eltern zwingen doch heutzutage nicht mehr zur Heirat …«
»Meinst du?«, sagte sie unentschlossen und wiegte den Kopf hin und her. »Sunae, was meinst du denn?«
»Wobei?«
»Dass ich heirate – mit Lee Seonsaeng.«
»Wie soll ich das wissen?«
»Sag es doch. Mit wem sonst soll ich reden? Gerade eben wollte ich mit Mutter sprechen, aber ich schämte mich so …«
»Wenn du es selbst nicht weißt, wie soll ich es wissen? Solche Dinge hängen vom eigenen Herzen ab, das kann dir niemand sagen.«
Seon-hyeong seufzte frustriert. »Was hältst du denn von Lee Seonsaeng als Menschen? Ist er gut?«
»Sicherlich ist er gut.«
»Sag nicht einfach ›sicherlich‹!«
»Wie soll ich sein Herz erkennen, wenn ich nur zwei, drei Tage lang täglich eine Stunde Unterricht bei ihm hatte? Was meinst du selbst, Schwester?«
»Ich weiß es auch nicht … Ach, was soll ich nur tun? Was soll ich nur tun?«
So war dieses Gespräch verlaufen. Es zeigte, dass Seon-hyeong nicht wusste, wie sie sich Hyeongsik gegenüber verhalten sollte. Doch das Herz eines siebzehn- oder achtzehnjährigen Mädchens hegt gegen keinen Mann Abneigung, es sei denn, er ist ein völliger Bösewicht, ein niedriger Mensch oder von abscheulicher Hässlichkeit. Zudem war Hyeongsik ein Mann, der in der Welt durchaus Anerkennung genoss, daher war Seon-hyeong Hyeongsik nicht abgeneigt. Eher empfand sie ihn sogar als vertraut, und nachdem sie am Morgen die Worte ihres Vaters gehört hatte, erschien er ihr noch vertrauter als zuvor. Doch natürlich liebte Seon-hyeong Hyeongsik nicht – es gab keinen Grund, dass innerhalb von zwei, drei Tagen Liebe entstehen könnte. Ob in Zukunft Liebe in ihr entstehen würde und in welchem Maße, wusste sie nicht, aber zumindest jetzt war noch keine Liebe da.
Dass Hyeongsik und Seon-hyeong einander nicht kannten, war selbstverständlich. Hyeongsiks Liebe zu Seon-hyeong glich allein der Liebe zu einer schönen Blume. Er liebte sie, weil sie lieblich anzusehen war. Es war eine oberflächliche Liebe. Eine Liebe von Auge zu Auge, von Gesicht zu Gesicht. Ihre Geister waren einander noch nie auch nur einen Augenblick lang begegnet. Hyeongsik würde Seon-hyeong ansehen, und Seon-hyeong würde Hyeongsik ansehen, und jeder würde denken: »Was für ein Mensch mag sein Innerstes sein?« Und dann: »Das Innere dieses Menschen wird man erst kennenlernen, wenn man mit ihm zusammenlebt.« Nur Kim Jang-ro, dessen Gattin und Pastor Han glaubten, die Inneren dieser beiden Menschen gut zu kennen. Obwohl diese beiden einander nicht einmal so gut kannten, wie sie selbst glaubten, bildeten sie sich dennoch ein, die Inneren der beiden jungen Leute genau zu kennen. Und sie waren überzeugt, dass die beiden nach der Heirat zweifellos glücklich sein würden. Also führten sie die beiden zusammen. Nur weil es in ihren eigenen Gedanken – in ihrer törichten, oberflächlichen Vorstellung – gut schien, führten sie sie zusammen. Sollten die beiden später unglücklich werden, würden sie nicht die eigene Verantwortung sehen, sondern es den beiden selbst zuschreiben oder dem Schicksal oder dem Willen Gottes. Auf diese Weise entstehen täglich viele tausend Ehepaare.
Kim Jang-ro blickte abwechselnd Hyeongsik und Seon-hyeong an, dann wandte er sich an den Pastor: »Was sollen wir nun tun?« Kim Jang-ro, der noch nie eine moderne Hochzeit erlebt hatte, wusste wirklich nicht, wie er vorgehen sollte. Natürlich wusste es der Pastor auch nicht. Aber in einer solchen Situation konnte er unmöglich sagen, dass er es nicht wusste. Deshalb sagte er: »Wir besprechen jetzt eine wichtige Angelegenheit der Menschheit. Lasst uns zuerst ein Gebet an Gott richten«, und senkte den Kopf. Auch die anderen senkten die Köpfe und legten die Hände auf die Knie. Der Pastor verharrte eine Weile still, als wolle er sich sammeln, dann begann er mit äußerst inniger und frommer Stimme, anfangs kaum hörbar, dann allmählich lauter: »Allmächtiger und allwissender, liebreicher Gott, unser Herr und Vater Jehova, der du im Himmel thronst und uns Sünder stets liebst, nun wollen wir, deine törichten, verständnislosen, sündigen, unwissenden und dummen Sünder, gemäß dem Willen, den du, unser Herr und Gott Vater, von Ewigkeit her bestimmt hast, die Verlobung deiner geliebten Diener Lee Hyeong-sik und Park Seon-hyeong vollziehen. Möge dein Heiliger Geist, der wie eine Taube ist, in den Herzen von uns unwissenden Sündern wohnen und alle Dinge lenken. Wir sind unwissende Sünder und haben kein Verdienst, um es zu wagen, dich, heiliger Gott, unser Jehova, zu bitten; aber wir bitten dich im Vertrauen auf das heilige Verdienst unseres Erlösers Jesus Christus, der für uns sein Blut am Kreuz vergossen hat und zur Rechten des Thrones Gottes sitzt. Amen.« Er verharrte noch eine Weile so und hob erst dann leise den Kopf, nachdem alle anderen ihn bereits gehoben hatten. Der Pastor hatte innig für die beiden gebetet. Auch die anderen hatten mit Inbrunst »Amen« gerufen. Der Pastor sagte feierlich: »Dann sprechen Sie nun offiziell miteinander … äh … die Worte«, und blickte zuerst zu Kim Jang-ro und dessen Gattin, dann zu Seon-hyeong.
Kim Jang-ro schien nicht zu wissen, was er sagen sollte. Er klopfte mit der rechten Hand auf den Tisch, entschied dann, dass es richtig sei, zuerst seine Frau anzureden, und sagte mit vornehmer, bedächtiger Stimme: »Meine Liebe, ich habe Hyeongsik um die Verlobung gebeten, und er hat zugestimmt. Was meinst du dazu?« Er sah seine Frau an, zufrieden damit, dass er die Sache ordentlich und modern vorgetragen hatte. Die Frau fand es seltsam, dass er noch einmal nachfragte, obwohl sie bereits darüber gesprochen hatten, aber sie dachte, dass moderne Sitten wohl so seien, und bewegte sich verlegen, senkte den Kopf und sagte: »Ich danke dir.« Kim Jang-ro sagte: »Du stimmst also zu, meine Liebe.« – »Ja«, sagte die Frau, hob den Kopf und betrachtete das Bild an der gegenüberliegenden Wand. – »Dann ist die Verlobung vollzogen«, sagte er und sah den Pastor an. Der Pastor blickte zum Himmel auf, als ob er bete, und sagte: »Ja, aber nun müssen wir auch den Willen der Betroffenen hören.« Er war zufrieden, dass er sich mit modernen Sitten besser auskannte als Kim Jang-ro. »Die Betroffenen werden zwar sicher zugestimmt haben, aber dennoch – wir müssen nach ihrer Meinung fragen«, und er blickte Hyeongsik an. Es schien, als denke er: »Ist das nicht richtig von mir?« Hyeongsik warf nur einen kurzen Blick auf den Pastor und senkte wieder den Kopf.
Kim Jang-ro sagte: »Dann fragen wir nach dem Willen der Beteiligten.« Er nahm eine richterliche Miene an, als ob er ein Verhör führe, und entschied, dass es angemessen sei, zuerst Hyeongsik, den Mann, und dann Seon-hyeong, die Frau, zu befragen. »Stimmen Sie also zu, Hyeongsik?« Der Pastor fand Kim Jang-ros Frage etwas unzureichend, blickte schnell zu Hyeongsik und ergänzte: »Heutzutage heiratet man nur nach dem Willen der Beteiligten, also sagen Sie es klar: Haben Sie die Absicht, Seon-hyeong zu heiraten?« Hyeongsik unterdrückte mühsam ein belustigtes Gefühl, aber er schämte sich auch zu antworten. Dann dachte er an U-Seon, hob schnell den Kopf, nahm eine würdevolle Haltung an und sagte: »Ja.« Seine eigene Antwort kam ihm auch seltsam komisch vor.
»Nun müssen wir Seon-hyeongs Willen erfragen«, sagte der Pastor und blickte seitlich auf Seon-hyeongs gesenktes Gesicht. »Du brauchst dich nicht zu schämen, sag deine Meinung.« Seon-hyeong fand es sowohl komisch als auch beschämend. Als Kim Jang-ro fragte: »Was willst du?«, antwortete sie nicht. Kim Jang-ro wandte sich lächelnd dem Pastor zu. Auch die Frau lächelte. Aber der Pastor blieb ernst: »Dann fragen Sie sie, Frau Kim.« – »Kind, antworte doch.« Pastor Han ergänzte: »So ist es bei der modernen Hochzeit. Antworte.« Die Frau sagte noch einmal: »Kind, antworte doch.« Diesmal klang ihre Stimme etwas schärfer. Seon-hyeong sagte widerwillig leise: »Ja …« Aber niemand hörte es. Kim Jang-ro drängte: »Antworte doch endlich.« Da sagte sie noch einmal: »Ja …« Aber auch diesmal hörten Kim Jang-ro und der Pastor es nicht. Die Frau jedoch hörte es, und auch Hyeongsik hörte es. Diesmal sagte der Pastor: »Antworte endlich!« – »Sie hat bereits geantwortet«, sagte die Frau an ihrer Stelle. Seon-hyeongs Gesicht war so tief gesenkt, dass es fast ihre Knie berührte.
»Gut, nun ist es geschehen. Nun haben wir die Zustimmung der Eltern und der Beteiligten, also ist es nun offiziell«, sagte der Pastor und lächelte endlich zufrieden. Der Pastor glaubte, damit sei die moderne Hochzeit vollzogen. Nun hielt es Kim Jang-ro für angebracht, die Verlobung offiziell zu erklären. Er sagte: »Dann ist der Ehevertrag geschlossen«, blickte Hyeongsik an und fuhr fort: »Es ist nur eine unbedeutende Tochter, aber ich vertraue sie dir für ihr ganzes Leben an.« Dann sah er Seon-hyeong an, als wolle er noch etwas sagen, unterließ es aber.
Hyeongsik war wie im Traum vor Freude. Es war, als ströme alles Blut in seinen Kopf, sodass er fast nichts mehr sehen konnte. Er zwang sich, ruhig zu atmen, aus Angst, man könnte seinen Atem hören. Der Pastor und Kim Jang-ro lachten, als sie Hyeongsiks gerötetes Gesicht sahen. Auch Seon-hyeong freute sich, ohne genau zu wissen warum. Es freute sie und kam ihr komisch vor, wie sie »Ja« gesagt hatte. Wie beim Unterricht vor einigen Tagen wischte sie sich mit dem Saum ihres Rocks den Schweiß von Stirn und Nasenrücken.
Eine Weile saßen sie einander gegenüber, dann wandte sich Kim Jang-ro an den Pastor: »Nun, sollen wir die Hochzeit halten und sie dann nach Amerika schicken, oder ist es besser, erst das Studium zu beenden und dann zu heiraten?« – »Nun«, sagte der Pastor, »in wie vielen Jahren wird sie ihren Abschluss machen?« – »Seon-hyeong braucht mindestens fünf Jahre«, sagte er und wandte sich an Seon-hyeong: »Du hast gesagt, dass du in fünf Jahren den Abschluss machst, nicht wahr?« – »Ja, wenn ich im nächsten Frühjahr am College aufgenommen werde …«, antwortete sie diesmal sofort und hob den Kopf. Einen Augenblick trafen sich Hyeongsiks und Seon-hyeongs Blicke, dann teilten sie sich wieder. Es geschah so schnell wie ein Blitz – und war genauso kraftvoll wie ein Blitz. – »Und Sie, Hyeongsik«, fuhr der Pastor fort, »in wie vielen Jahren werden Sie Ihren Abschluss machen?« Hyeongsik wusste nicht, wie er antworten sollte. Zwar hatte er vom Pastor gehört, dass auch er nach Amerika geschickt würde, aber es war ihm peinlich, so zu tun, als sei die Sache bereits beschlossen. Deshalb sagte er nur: »Ja?« Der Pastor sagte: »Nein, ich frage: Wenn Sie im Herbst dieses Jahres nach Amerika gehen, wann werden Sie Ihren Abschluss machen?« – »Wenn ich mich in diesem Jahr einschreibe, werde ich in vier Jahren meinen Abschluss machen.« – »Werden Sie dann Doktor?« – »Nein!«, sagte Kim Jang-ro und sah hier die Gelegenheit, seine eigene Gelehrsamkeit zu zeigen. »Um Doktor zu werden, muss man danach noch einige Zeit dort bleiben.« Aber er wusste nicht, wie viele Jahre. Hyeongsik wusste es besser und lachte innerlich. Doch nun war Kim Jang-ro der Vater seiner Geliebten, sein Schwiegervater. Also hörte er auf, auch innerlich zu lachen, und sagte: »Nach dem College-Abschluss und mindestens zwei Jahren Postgraduate-Studium in der Graduiertenschule erhält man den Master-Titel, und dann muss man noch drei oder vier Jahre studieren, um die Berechtigung zur Doktorprüfung zu erlangen.« Nach diesen Worten war seine Befangenheit etwas verflogen. – »Dann kommen Sie als Doktor zurück, Hyeongsik. Gibt es auch weibliche Doktoren?« – »Ja, im Westen gibt es selbstverständlich auch weibliche Doktoren. Sogar eine Japanerin wurde in Amerika Doktor, ist aber vor einigen Jahren gestorben«, sagte er und warf einen schnellen Blick auf Seon-hyeong. Die Frau rief erstaunt und lachend: »Was, es gibt auch weibliche Doktoren?« Auch Kim Jang-ro hatte nicht gewusst, dass es weibliche Doktoren gab. Obwohl er selbst erstaunt war, tat er, als sei er es nicht, und sagte: »Frauen können ja sogar Kaiser werden«, um seine eigene Belesenheit zu beweisen. Der Pastor sagte: »Dann soll Seon-hyeong auch als Doktor zurückkommen. Haha, was für eine Seltenheit! Mann und Frau werden beide Doktoren.« Er lachte vergnügt, als wären sie bereits Doktoren. Hyeongsik und Seon-hyeong lachten ebenfalls. Alle lachten. Es schien, als würde Hyeongsik Doktor und Seon-hyeong Doktor. Auch die Frau dachte so und freute sich.
Der Pastor ergriff wieder das Wort: »Dann wäre es wohl besser, noch vor der Abreise zu heiraten. Immerhin fünf Jahre lang …« – »Nein, wir sollten erst das Studium abschließen und dann heiraten«, sagte Kim Jang-ro. – »Wie kann man das nur?«, sagte die Frau und hatte Mitleid mit ihrer Tochter. – »Ja, natürlich. Wir sollten heiraten.« – »Dann wird das Studium nichts. Erst das Studium beenden, dann heiraten.« – »Auch dazu sollten wir die Beteiligten befragen«, sagte der Pastor und holte wieder die moderne Sitte hervor. »Was meinen Sie, Hyeongsik?« – »Woher soll ich das wissen?« – »Wer weiß es dann?« Hyeongsik lachte nur. Der Pastor wandte sich an Seon-hyeong: »Was meinst du?« Seon-hyeong lachte innerlich und schwieg. Der Pastor war etwas verlegen. Es gab weder einen Grund für die sofortige Heirat noch einen Grund dagegen. Da die Heirat selbst ohne wirklichen Grund oder Überzeugung beschlossen worden war, konnte es auch keinen Grund oder Überzeugung für oder gegen die sofortige Heirat geben. Wie im Spiel wurde die Heirat beschlossen, und wie im Spiel wurde beschlossen, erst nach dem Studium zu heiraten. Und alle Beteiligten glaubten, alles höchst vernünftig getan zu haben. Sie glaubten, vom Heiligen Geist geleitet worden zu sein. Wie gefährlich.
Hyeongsik trat aus dem Tor von Kim Jang-ros Haus. Die mit Wasserdampf geschwängerte Luft der Sommernacht strich wie Feuer über seinen schweißnassen Körper. Und das empfand er als überaus kühl und angenehm. Während er die funkelnden Sterne am Himmel, die Lampen in den Häusern und die Gesichter der Vorübergehenden flüchtig betrachtete, kehrte er mit unbeschreiblicher Freude im Herzen nach Hause zurück. Es war, als sei der Frühling in sein Schicksal zurückgekehrt. Seon-hyeong war seine Frau geworden. Sie war die Seine, die er nach Herzenslust lieben konnte. Und er konnte nach Amerika gehen, an die Universität, einen Bachelor und einen Doktortitel erwerben. Mit der geliebten Seon-hyeong im selben Zug, im selben Schiff nach Amerika reisen, im selben Haus wohnen, an derselben Schule studieren. Ach, wie glücklich würde das sein! Und nach dem Studium würde er Arm in Arm mit Seon-hyeong im selben Schiff, im selben Zug in die Heimat zurückkehren, von allen beneidet und beglückwünscht. Ach, wie glücklich würde das sein! Und dann würden sie in einem sauberen Haus mit schöner Aussicht leben, ein Klavier darin, eine Geige daran, und mit Seon-hyeong zusammen sein. Immer in Liebe, immer vergnügt … Ach, wie glücklich würde das sein!
Hyeongsik freute sich wie ein Kind. Die Zukunft war eine Sache, aber allein der Gedanke daran machte ihn jetzt schon unbeschreiblich glücklich. Um diese Gedanken noch länger ausdehnen zu können, machte er bewusst einen Umweg am Gwanghwamun vorbei, durch die Jongno-Straße und am Tapgol-Park vorbei … und als er schließlich nach Hause kam, tat es ihm fast leid. In seinem Herzen, vor seinen Augen, stand das Bild von Seon-hyeong, wie sie mit gesenktem Kopf dasaß. Und je mehr er dieses Bild betrachtete, desto lieblicher und schöner wurde sie. Hyeongsik zögerte einen Augenblick vor dem Tor. Er dachte: Nun bin ich nicht mehr einer, der durch ein solches Tor ein- und ausgeht. Er kam sich plötzlich vornehm und erhaben vor. Also schlug er mit der Faust einmal gegen das Tor, lachte in sich hinein und trat in den Hof ein.
Die alte Frau und U-Seon saßen auf der Veranda und unterhielten sich. Als sie Hyeongsik sahen, sprangen sie auf. U-Seon klopfte Hyeongsik kräftig auf die Schulter und lachte: »He, wie ist es gelaufen?« Hyeongsik stellte sich ahnungslos: »Wovon redest du?« – »Ach, hör auf mit dem Getue …« – »Ach, wie ist es Ihnen ergangen?«, fragte die alte Frau und lachte. »Ist die Sache geklappt?« – »Was für eine Sache?«, fragte Hyeongsik und lachte ebenfalls. – »Erzähl mir doch von Anfang bis Ende. Du bist hingegangen, hast zu Abend gegessen … und dann?« – »Und dann Wasser getrunken …« – »Und dann?« – »Und dann geplaudert …« – »Und dann?« – »Bin zurückgekommen!« – »Pfui, du willst es wohl nicht richtig sagen!«, rief U-Seon und verdrehte Hyeongsiks Arm mit beiden Händen. »Immer noch, immer noch willst du nicht reden?« – »Au, au! Ja, ja, ich sag’s ja, ich sag’s ja.« U-Seon ließ seinen Arm los. Hyeongsik sagte: »Was soll ich dir denn sagen?« – »Willst du erst den Folterpfahl umarmen, bevor du redest?«, und er verdrehte seinen Arm noch einmal kräftig. – »Schon gut, schon gut, jetzt, jetzt rede ich.« – »Also rede schon!«, sagte U-Seon, ließ aber seinen Arm nicht los, um die Zusage zu erzwingen. – »Warte erst mal. Lass uns erst mal Licht machen und uns hinsetzen, dann reden wir«, sagte Hyeongsik, zündete die Lampe in seinem Zimmer an und warf seinen Hut und seinen Übermantel hinein. Aber die Bewegung war eine andere als heute Morgen. Die alte Frau holte ihre Tabakspfeife und ihren Tabaksbeutel und kam in Hyeongsiks Zimmer. U-Seon zündete sich ebenfalls eine Pfeife an und fächerte sich mit seinem Hut Brust, Beine und Rücken Kühlung zu, während er auf Hyeongsiks Worte wartete. Hyeongsik lächelte und sagte: »Ich habe mich verlobt.« – »Wann ist dann die Hochzeit?« – »Nach dem Studium, heißt es.« – »Nach dem Studium? In Amerika meinst du?« – »Ja, in fünf Jahren.« – »In fünf Jahren?«, rief die alte Frau erstaunt und nahm die Pfeife vom Mund. »In fünf Jahren, dann seid ihr ja schon alt! Was soll das für eine Sache sein!«