IV.
Für Maćko und Zbyszko, die zuvor bei Fürst Witold gedient und sich satt an litauischen und schamaischen Kriegern gesehen hatten, bot der Anblick des Lagers nichts Neues. Czech jedoch betrachtete alles neugierig und überlegte zugleich, was man von solchen Leuten im Kampf erwarten könne, indem er sie mit den polnischen und deutschen Rittern verglich. Das Lager stand in einer Niederung, die von Wald und Sümpfen umgeben war, und daher völlig vor einem Überfall geschützt, da kein anderes Heer durch jene tückischen Moore hätte waten können. Die Niederung selbst, auf welcher die Hütten standen, war ebenfalls sumpfig und morastig, doch die Krieger hatten Tannen- und Fichtenreisig gehackt und den Boden so dick damit bedeckt, dass sie wie auf dem trockensten Platze ruhten. Für Fürst Skirwoiłło hatte man eilig eine Art „Numa“ errichtet, eine litauische Hütte aus Erde und unbehauenen Balken. Für die Vornehmeren wurden aus Zweigen einige Dutzend Schuppen geflochten, die gewöhnlichen Krieger aber saßen unter freiem Himmel um die Feuer, geschützt gegen Wetterwechsel und Regen nur durch ihre Schafpelze und Felle, die sie auf dem bloßen Leib trugen. Im Lager schlief noch niemand, denn die Männer, die nach der letzten Niederlage nichts zu tun hatten, schliefen bei Tage. Einige saßen oder lagen um helle Feuer, die mit dürrem Holz oder Wacholderzweigen genährt wurden, andere scharrten in den schon erloschenen und mit Asche bedeckten Feuerstellen, von denen der Geruch gebratener Rüben, der gewöhnlichen Nahrung der Litauer, und der Gestank angebrannten Fleisches ausging. Zwischen den Feuern sah man Haufen von Waffen, so nahe zusammengelegt, dass jeder im gegebenen Fall leicht die seine ergreifen konnte. Hlawa betrachtete neugierig die Speere mit schmalen, langen Spitzen aus gehärtetem Eisen, die Streitkolben aus jungen Eichenstämmen, in die Feuersteine oder Nägel getrieben waren, die Streitäxte mit kurzem Stiel, den polnischen Äxten ähnlich, wie sie die Reiter führten, und solche mit fast so langen Stielen wie Berdysche, mit denen die Fußkämpfer fochten. Darunter fanden sich auch kupferne aus alten Zeiten, als Eisen in diesen entlegenen Gegenden noch wenig im Gebrauch war. Einige Schwerter waren ebenfalls aus Kupfer, die meisten jedoch aus gutem, aus Nowgorod geliefertem Stahl. Czech nahm Speere, Schwerter, Äxte, die harzigen, im Feuer gedörrten Bogen zur Hand und prüfte im Schein der Flamme ihre Vortrefflichkeit. Pferde gab es nicht viele bei den Feuern, denn die Herden weideten abseits in den Wäldern und auf den Wiesen unter der Aufsicht wachsamer Pferdeknechte. Da aber die vornehmeren Bojaren ihre Rosse zur Hand haben wollten, befanden sich einige Dutzend im Lager, die von den Sklaven der Herren am Halfter mit der Hand gefüttert wurden. Hlawa wunderte sich über die zottigen Leiber dieser Pferde, die außergewöhnlich klein waren, mächtige Nacken hatten und überhaupt so seltsam aussahen, dass westliche Ritter sie für völlig andere Waldtiere hielten, die eher Einhörnern als wirklichen Pferden glichen.
„Hier taugen die großen Streithengste nichts“, sagte der erfahrene Maćko, der sich an seine früheren Dienste bei Witold erinnerte, „denn ein großes Pferd bleibt gleich im Morast stecken, während der hiesige Kümmerling überall durchkommt, fast wie ein Mensch.“
„Aber im freien Feld“, entgegnete Czech, „halten die hiesigen den großen deutschen nicht stand.“
„Freilich nicht. Dafür entflieht ein Deutscher keinem Schamaien, und er holt ihn auch nicht ein, denn diese hier sind so flink wie die Tatarenpferde, wenn nicht noch flinker.“
„Und doch wundert mich das, denn ich habe tatarische Gefangene gesehen, die der Ritter Zych ze Zgorzelic mitgebracht hatte: es waren kleine Kerle, die jedes Pferd tragen kann, während dies hier ein stattliches Volk ist.“
Das Volk war in der Tat wohlgestaltet. Im Schein des Feuers sah man unter den Fellen und Schafpelzen breite Brüste und kräftige Schultern. Mann für Mann waren sie mager, aber knochig und lang, und überhaupt übertrafen sie an Wuchs die Bewohner anderer litauischer Landstriche, denn sie saßen auf besseren und ergiebigeren Böden, in denen die Hungerzeiten, die Litauen von Zeit zu Zeit heimsuchten, seltener zu spüren waren. Dagegen übertrafen sie die Litauer noch an Wildheit. In Wilna war der großfürstliche Hof, nach Wilna kamen Geistliche aus Ost und West, Gesandtschaften langten an, ausländische Kaufleute strömten zu, wodurch der Bewohner der Stadt und der Umgebung sich etwas an die Fremde gewöhnte. Hier jedoch zeigte sich der Fremdling nur in Gestalt eines Kreuzritters oder eines Schwertkavaliers, die in die stillen Waldansiedlungen Feuer, Knechtschaft und eine Taufe aus Blut brachten. Daher war alles gröber, härter, den alten Zeiten näher, mehr gegen Neuerungen erbittert: ältere Sitte, ältere Kampfesweise, und auch das Heidentum hartnäckiger, weil die Verehrung des Kreuzes nicht von einem sanften Verkünder der Frohen Botschaft mit der Liebe eines Apostels gelehrt wurde, sondern von einem bewaffneten deutschen Mönch mit der Seele eines Henkers.
Skirwoiłło und die vornehmeren Fürsten und Bojaren waren schon Christen, denn sie waren dem Beispiel Jagiellos und Witolds gefolgt. Die anderen, selbst die einfachsten und wildesten Krieger, trugen in der Brust das dumpfe Gefühl, dass der Tod und das Ende der alten Welt, ihres alten Glaubens herannahe. Und sie waren bereit, ihr Haupt vor dem Kreuz zu beugen, wenn nur dieses Kreuz nicht von deutschen, verhassten Händen aufgerichtet würde. „Wir bitten um die Taufe!“ riefen sie allen Fürsten und Völkern zu, „doch bedenkt, dass wir Menschen sind, nicht Tiere, die man verschenken, kaufen und verkaufen kann.“ Inzwischen, während der alte Glaube erlosch, wie ein Feuer erlischt, dem niemand Holz nachlegt, und die Herzen sich von dem neuen abwandten, eben weil die deutsche Gewalt ihn aufzwang, entstand in ihren Seelen eine Leere, Unruhe und Wehmut nach der Vergangenheit und eine tiefe Traurigkeit. Czech, der von Kindheit an an das fröhliche Soldatengeplauder, an Lieder und rauschende Musik gewöhnt war, sah zum ersten Mal ein so stilles und düsteres Lager. Kaum hier und da, bei den ferneren Feuern von Skirwoiłłos Numa, hörte man den Klang einer Hirtenflöte oder Pfeife oder die Worte eines leisen Liedes, das ein „Burtinikas“ sang. Die Krieger lauschten mit gesenkten Köpfen und in die Glut starrenden Augen. Einige hockten am Feuer, die Ellbogen auf die Knie gestützt, das Gesicht in den Händen verborgen, in Felle gehüllt, gleich Raubtieren des Waldes.
Doch wenn sie die Köpfe zu den vorübergehenden Rittern hoben, erleuchtete der Flammenschein sanfte Gesichter und blaue Augen, keineswegs grausam oder wild, sondern eher blickend, wie traurige und gekränkte Kinder blicken. An den Rändern des Lagers lagen auf Moos die Verwundeten, die man aus der letzten Schlacht hatte retten können. Die Wahrsager, die sogenannten „Labdarysen“ und „Sejtonen“, murmelten über ihnen Beschwörungen oder verbanden ihre Wunden und legten heilende Kräuter auf, und sie lagen schweigend da, ertrugen geduldig Schmerz und Pein.
Aus den Tiefen des Waldes, von den Lichtungen und Wiesen her, kam das Pfeifen der Pferdeknechte; mitunter erhob sich der Wind, verhüllte das Lager mit Rauch und erfüllte den dunklen Wald mit Rauschen. Aber die Nacht wurde immer später, die Feuer begannen zu erlöschen und zu verlöschen, und es trat eine noch größere Stille ein, die den Eindruck von Traurigkeit und gleichsam Niedergeschlagenheit verstärkte.
Zbyszko gab den Leuten, die er befehligte und mit denen er sich leicht verständigen konnte, da sich ein Häuflein Plocker unter ihnen befand, seine Befehle. Danach wandte er sich an seinen Knappen und sprach:
„Du hast dich nun genug umgesehen, und es ist Zeit, zum Zelt zurückzukehren.“
„Wohl habe ich mich umgesehen“, antwortete der Knappe, „aber ich bin nicht sehr froh über das, was ich gesehen habe, denn man sieht gleich, dass es geschlagene Leute sind.“
„Zweimal: vor vier Tagen bei der Burg und vorgestern am Übergang. Und nun will Skirwoiłło zum dritten Mal dort hingehen, um eine dritte Niederlage zu erleiden.“
„Wie kann er nur nicht begreifen, dass er mit einem solchen Heer gegen die Deutschen nichts ausrichtet? Schon Ritter Maćko sagte mir das, und nun merke ich selbst, dass es wohl schlechte und zum Kampf untaugliche Burschen sein müssen.“
„Da irrst du dich, denn es ist ein tapferes Volk, wie kaum ein zweites auf der Welt. Nur kämpfen sie in ungeordnetem Haufen, die Deutschen aber in Schlachtordnung. Gelingt es, die Ordnung zu sprengen, dann streckt der Schamaie öfter den Deutschen nieder als der Deutsche den Schamaien. Aber jene wissen das und schließen sich so fest zusammen, dass sie wie eine Mauer stehen.“
„Und von Burgbelagerungen kann man wohl gar nicht denken“, sagte Czech.
„Denn es fehlt an jeglichem Gerät dazu“, antwortete Zbyszko. „Das Gerät hat Fürst Witold, und solange er nicht zu uns stößt, beißen wir keine Burg an, es sei denn durch Zufall oder Verrat.“
So im Gespräch erreichten sie das Zelt, vor dem ein großes Feuer brannte, das von den Knechten unterhalten wurde, und in dem sich das von den Knechten zubereitete Fleisch räucherte. Im Zelt war es kühl und feucht, daher legten sich beide Ritter und mit ihnen Hlawa vor dem Feuer auf die Felle.
Nachdem sie sich gestärkt hatten, versuchten sie zu schlafen, doch es gelang ihnen nicht. Maćko wälzte sich hin und her, und als er dann Zbyszko vor der Flamme sitzen sah, die Arme um die Knie geschlungen, fragte er:
„Hör einmal! Warum hast du geraten, weit weg nach Ragneta zu gehen, und nicht hierher, in die Nähe dieses Gotteswerder? Was hast du dabei?“
„Weil mir etwas in der Seele sagt, dass Danuschka in Ragneta ist – und dort sind sie weniger auf der Hut als hier.“
„Wir hatten keine Zeit, uns auszusprechen, denn ich war selbst müde, und du hast nach der Niederlage die Leute im Wald gesammelt. Aber jetzt sage ich dir, wie es ist: Willst du noch immer nach diesem Mädchen suchen?“
„Es ist kein Mädchen, sondern mein Weib“, antwortete Zbyszko.
Es entstand ein Schweigen, denn Maćko verstand wohl, dass es darauf keine Antwort gab. Wäre Danuschka noch immer das Fräulein Jurandówna gewesen, so hätte der alte Ritter unfehlbar den Neffen beredet, von ihr zu lassen. Aber angesichts der Heiligkeit des Sakramentes wurde die Suche zur schlichten Pflicht, und Maćko hätte nicht einmal eine solche Frage gestellt, wenn er nicht, da er weder bei der Trauung noch bei der Hochzeit zugegen gewesen war, unwillkürlich die Jurandówna immer noch für ein Mädchen gehalten hätte.
„Freilich!“ sagte er nach einer Weile. „Aber wonach ich mich in diesen zwei Tagen erkundigen konnte, das habe ich getan, und du sagtest mir, du wüsstest nichts.“
„Weil ich nichts weiß, nur das, dass wohl Gottes Zorn auf mir lastet.“
Da richtete Hlawa sich von dem Bärenfell auf, setzte sich, spitzte die Ohren und begann aufmerksam und neugierig zu lauschen.
Und Maćko sprach:
„Solange der Schlaf dich nicht übermannt, erzähle: Was hast du in Marienburg gesehen, getan und erreicht?“
Zbyszko strich sich die Haare zurück, die, seit langem vorne nicht geschnitten, ihm bis auf die Brauen fielen, saß einen Augenblick schweigend, dann begann er zu reden:
„Gäbe Gott, dass ich so viel über meine Danuschka wüsste, wie ich über Marienburg weiß. Ihr fragt, was ich dort gesehen habe? Ich sah eine unermessliche Macht der Kreuzritter, unterstützt von allen Königen und allen Völkern, mit der, wie ich nicht weiß, ob sich irgendwer auf der Welt messen kann. Ich sah eine Burg, wie sie wohl selbst der römische Kaiser nicht hat. Ich sah unermessliche Schätze, ich sah Rüstungen, ich sah ein Gewimmel von gewappneten Mönchen, Rittern und Knechten – und Reliquien wie beim Heiligen Vater in Rom, und ich sage euch, dass mir die Seele erstarrte, denn ich dachte: wo kann man sich da wagen, sie anzugreifen? Wer kann ihnen widerstehen? Wen wird ihre Stärke nicht zerbrechen?“
„Uns! Verflucht sei ihre Mutter!“ rief Hlawa, der nicht an sich halten konnte.
Maćko kamen solche Worte Zbyskos seltsam vor, und obgleich er alle Abenteuer des Jünglings kennen lernen wollte, unterbrach er ihn dennoch und sprach:
„Hast du denn Wilna vergessen? Wie oft sind wir nicht mit ihnen Schild an Schild und Kopf an Kopf zusammengestoßen! Hast du vergessen, wie unwohl ihnen bei uns wurde – und wie sie über unsere Hartnäckigkeit klagten: dass es nicht genug sei, ein Pferd ins Schwitzen zu bringen und einen Speer zu brechen, sondern dass man die Kehle des anderen nehmen oder die eigene geben müsse! Es kamen doch auch Gäste, die uns zum Zweikampf forderten – und alle sind mit Schande abgezogen. Was bist du so weich geworden?“
„Ich bin nicht weich geworden, denn ich habe mich auch in Marienburg geschlagen, wo es auf Leben und Tod ging. – Aber ihr kennt nicht ihre ganze Macht.“
Doch der Alte erzürnte sich.
„Und kennst du die ganze polnische Macht? Hast du alle Fahnen beisammen gesehen? Du hast sie nicht gesehen. Aber ihre Macht beruht auf Unrecht an den Menschen und auf Verrat, denn dort ist kein Fußbreit Erde, der ihnen gehört. Unsere Fürsten nahmen sie auf, wie man einen Armen im Hause aufnimmt – und beschenkten sie, und sie, als sie erstarkt waren, bissen die Hand, die sie nährte, wie ehrlose, wütende Hunde. Das Land rissen sie an sich, die Städte nahmen sie mit Verrat – und da ist ihre Macht! Aber selbst wenn alle Könige der Welt ihnen zu Hilfe kämen, der Tag des Gerichts und der Rache wird kommen.“
„Da ihr mich aufgefordert habt, zu erzählen, was ich gesehen habe, und jetzt zürnt, so will ich lieber schweigen“, sagte Zbyszko.
Maćko aber schnaubte eine Weile zornig, nach einer Weile jedoch beruhigte er sich und sprach:
„Geht das nicht oft so? Im Walde steht eine Fichte, ragend wie ein Turm, man sollte meinen, sie stünde für alle Ewigkeit, aber wenn du tüchtig mit der Axt dagegen schlägst, so klingt sie hohl, und Moder stiebt heraus. So ist es auch mit der Kreuzrittermacht! Aber ich hieß dich erzählen, was du erreicht hast. Du hast dort auf Leben und Tod gejagt – sagst du?“
„Ich habe gejagt. Hochmütig und undankbar empfingen sie mich anfangs auch dort, denn es war ihnen schon bekannt, dass ich mich mit Rotgier geschlagen hatte. Vielleicht wäre mir sogar etwas Schlimmes zugestoßen, wenn ich nicht mit einem Brief des Fürsten gekommen wäre, und Herr de Lorche, den sie achten, mich vor ihrer Bosheit geschützt hätte. Doch dann kamen Feste und Turniere, bei denen der Herr Jesus mir gesegnet war. Ihr habt wohl gehört, dass mich der Bruder des Hochmeisters, Ulrich, lieb gewann und mir einen schriftlichen Befehl des Hochmeisters selbst gab, dass man mir Danuschka ausliefere.“
„Die Leute erzählten uns“, sagte Maćko, „dass ihm der Sattelgurt gerissen sei, und du, als du es sahst, nicht auf ihn einhauen wolltest.“
„Freilich hob ich die Lanze in die Höhe, und er liebte mich von da an. Hei, lieber Gott! Gewaltige Schreiben gaben sie mir, mit denen ich von Burg zu Burg reisen und suchen konnte. Schon glaubte ich, es sei das Ende meiner Not und meiner Betrübnis – und nun sitze ich hier, in wilder Gegend, ganz ohne Rat, in Kummer und Trauer, und täglich wird es mir schwerer und weher ums Herz …“
Hier schwieg er einen Augenblick, dann warf er mit ganzer Kraft einen Span ins Feuer, dass die Funken aus den brennenden Scheitern stoben, und sprach:
„Denn wenn diese Arme hier irgendwo in einer Burg seufzt und meint, ich hätte sie vergessen, dann möge mich der plötzliche Tod nicht verschonen!“
Und so sehr kochte in ihm Ungeduld und Schmerz auf, dass er wieder Späne ins Feuer warf, wie von plötzlichem blindem Schmerz erfasst. Sie aber verwunderten sich sehr, denn sie hatten nicht geglaubt, dass er Danuschka so sehr liebte.
„Beherrsche dich!“ rief Maćko. „Wie war es mit jenem Geleit? Wollten die Komture die Befehle des Hochmeisters nicht befolgen?“
Zbyszko aber blitzten die Tränen in den Augen, doch er beruhigte sich ein wenig und sprach:
„Sie öffneten mir die Schlösser und Kerker. Ich war überall, ich suchte! Da brach dieser Krieg aus – und in Gierdauen sagte mir der Vogt von Hiedeck, das Kriegsrecht sei ein anderes und die Geleitsbriefe, die in Friedenszeiten ausgestellt wurden, bedeuteten nichts. Ich forderte ihn sofort zum Zweikampf, aber er stellte sich nicht und ließ mich aus der Burg jagen.“
„Und in den anderen?“, fragte Maćko.
„Überall das Gleiche. In Königsberg wollte der Komtur, der der Vorgesetzte des Gierdauer Vogtes ist, nicht einmal den Brief des Hochmeisters lesen, sondern sagte, Krieg sei Krieg – und hieß mich, solange mein Kopf noch heil sei, mich davonzumachen. Ich fragte auch anderswo – überall dasselbe.“
„Nun verstehe ich“, sagte der alte Ritter. „Da du sahest, dass du nichts ausrichtest, zogst du es vor, hierher zu kommen, wo sich vielleicht eine Rache ergibt.“
„So ist es“, antwortete Zbyszko. „Ich dachte auch, wir könnten Gefangene machen und vielleicht ein paar Burgen erobern, aber sie verstehen nicht, Burgen zu erstürmen.“
„Hei, wenn erst Fürst Witold kommt, wird es anders werden.“
„Gebe Gott!“
„Er wird kommen. Ich hörte am masowischen Hofe, dass er kommen wird, und vielleicht mit ihm der König mit der ganzen polnischen Macht.“
Doch das weitere Gespräch wurde durch das Eintreten Skirwoiłłos unterbrochen, der unvermutet aus dem Schatten hervortrat und sprach:
„Wir brechen auf.“
Als die Ritter das hörten, sprangen sie hurtig auf die Füße. Skirwoiłło näherte seinen ungeheuren Kopf ihren Gesichtern und sprach mit gedämpfter Stimme:
„Es gibt Neuigkeiten. Es kommen Verstärkungen nach Nowe Kowno. Zwei Ritter führen Knechte, Vieh und Proviant. Wir werden sie überfallen.“
„Dann setzen wir über die Memel?“, fragte Zbyszko.
„Ja. Ich kenne eine Furt.“
„Und in der Burg wissen sie von den Verstärkungen?“
„Sie wissen es und werden ihnen entgegenkommen, aber auf diese werdet ihr losgehen.“
Und er begann ihnen zu erklären, wo sie sich in den Hinterhalt legen sollten, um unvermutet auf die loszuschlagen, die sich aus der Burg beeilen würden. Es ging ihm darum, gleichzeitig zwei Schlachten zu liefern und die letzten Niederlagen zu rächen, was umso leichter gelingen konnte, als der Feind sich nach dem frischen Sieg völlig sicher fühlte. Also wies er ihnen Ort und Zeit an, zu der sie sich einfinden sollten, und das Übrige vertraute er ihrer Tapferkeit und Klugheit an. Sie aber freuten sich von Herzen, denn sie erkannten sogleich, dass ein erfahrener und tüchtiger Krieger zu ihnen sprach. Als er geendet hatte, hieß er sie ihm folgen und kehrte zu seiner Numa zurück, in der schon die Fürsten und Bojaren, die Hundertschaftsführer, auf ihn warteten. Dort wiederholte er seine Befehle, erteilte neue, und endlich, die aus einem Wolfsbein geschnitzte Pfeife an die Lippen setzend, gab er einen lauten und durchdringenden Pfiff von sich, der von einem Ende des Lagers zum anderen gehört wurde.
Auf dieses Zeichen hin begann es sich bei den verloschenen Feuern zu regen; hier und da schlugen Funken auf, dann zuckten Flämmchen empor, die mit jedem Augenblick wuchsen und stärker wurden, und bei ihrem Scheine sah man die wilden Gestalten der Krieger, die sich bei den Waffenhaufen sammelten. Der Wald erbebte und erwachte. Nach einer Weile drangen aus der Tiefe die Rufe der Pferdeknechte, die die Herden zum Lager trieben.