Tellura
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V (1/2)

Kapitel 22 · 2487 Wörter · ~13 Min. Lesezeit

V.

Am zweiten Tag nach ihrer Ankunft in Bogdanietz sahen sich Maćko und Zbyszko in ihrem alten Sitz um. Bald erkannten sie, dass Zych von Zgorzelice Recht gehabt hatte: Die Armut würde ihnen anfangs schwer zu schaffen machen.

Die Bewirtschaftung des Gutes ging noch leidlich. Einige Hufen wurden von den alten Leuten bestellt, andere von Bauern, die der Abt neu angesiedelt hatte. Einst gab es in Bogdanietz weit mehr Ackerland, aber seit in der Schlacht bei Plowce das Haus Grad fast vollständig ausgerottet worden war, fehlte es an Arbeitskräften. Nach dem Überfall der schlesischen Deutschen und dem Krieg der Grzymaliten mit den Nałęcze waren die einst fruchtbaren Bogdanietzer Felder größtenteils mit Wald zugewachsen. Maćko konnte allein nicht fertig werden. Vergeblich hatte er vor einem Dutzend Jahren versucht, freie Bauern aus Krześnia anzulocken und ihnen Land gegen Abgaben zu überlassen – sie zogen es vor, auf ihrem eigenen Lehen zu sitzen, statt einen fremden Acker zu bestellen. Doch er lockte einige Obdachlose an; in verschiedenen Kriegen nahm er ein gutes Dutzend Gefangene, die er verheiratete und in Hütten ansiedelte – und so begann das Dorf sich wieder zu erheben. Aber es ging ihm schwer von der Hand, und als sich die Gelegenheit zur Verpfändung bot, verpfändete Maćko bereitwillig ganz Bogdanietz. Er glaubte erstens, dass es dem mächtigen Abt leichter fallen würde, das Land zu bewirtschaften, und zweitens, dass der Krieg ihm und Zbyszko unterdessen Leute und Geld bringen würde. Und tatsächlich regierte der Abt energisch. Er vermehrte die Arbeitskraft von Bogdanietz um fünf Bauernfamilien, vergrößerte die Herden an Rindern und Pferden und baute dazu einen Speicher, einen Stall aus Flechtwerk und einen ebensolchen Pferdestall. Dagegen kümmerte er sich nicht um das Haus, da er nicht ständig in Bogdanietz wohnte. Maćko, der manchmal geträumt hatte, er werde bei seiner Rückkehr eine von einem Graben und einer Palisade umgebene Burg vorfinden, fand alles so vor, wie er es verlassen hatte – nur dass die Mauerecken sich etwas verzogen hatten und die Wände niedriger erschienen, weil sie sich gesenkt und in die Erde geschoben hatten.

Der Hof bestand aus einer riesigen Diele, zwei geräumigen Stuben mit Kammern und einer Küche. In den Stuben gab es Fenster aus Häuten, und in der Mitte jeder Stube befand sich eine Feuerstelle auf dem Lehmboden, deren Rauch durch die Spalten in der Decke abzog. Diese völlig geschwärzte Decke diente in besseren Zeiten zugleich als Räucherkammer, denn an den in die Balken geschlagenen Haken hingen dann Schinken von Schwein, Wildschwein, Bär und Elch, Hirsch- und Rehrippen, Rinderrücken und ganze Wurstrollen. In Bogdanietz jedoch waren die Haken jetzt leer, ebenso die entlang der Wände verlaufenden Borde, auf denen man in anderen Höfen Zinn- und Tonschalen aufstellte. Nur die Wände unter den Borden wirkten nicht mehr allzu kahl, denn Zbyszko hatte die Leute geheißen, Panzer, Helme, kurze und lange Schwerter, ferner Spieße, Gabeln, Armbrüste, Ritterlanzen, schließlich Schilde, Äxte und Rossharnische daran aufzuhängen. Die Waffen schwärzten durch das Aufhängen im Rauch und mussten oft gereinigt werden, aber dafür waren sie alle zur Hand, und außerdem fraß der Wurm das Holz der Lanzen, Armbrüste und Stiele nicht an. Die kostbaren Gewänder ließ der sorgsame Maćko in die Kammer schaffen, in der er schlief.

In den vorderen Stuben standen in der Nähe der Häutenfenster einfache Tische aus Kiefernholz und ebensolche Bänke, an denen die Herren samt dem Gesinde zum Essen Platz nahmen. Die Männer, die durch die Kriegsjahre nicht an Bequemlichkeit gewöhnt waren, brauchten nicht viel; in Bogdanietz jedoch fehlte es an Brot, Mehl und mancherlei anderen Vorräten, vor allem an Geschirr. Die Bauern brachten, was sie konnten, aber Maćko rechnete vor allem darauf, dass ihm die Nachbarn, wie es in solchen Fällen üblich war, zu Hilfe kommen würden – und darin täuschte er sich nicht, zumindest nicht, was Zych von Zgorzelice betraf.

Am zweiten Tag nach der Ankunft saß der alte Włodyka gerade vor dem Haus, um das schöne Herbstwetter zu genießen, als Jagienka auf demselben Rappen in den Hof geritten kam. Ein Knecht, der am Zaun Holz hackte, wollte ihr beim Absteigen helfen, doch sie sprang mit einem Mal auf die Erde, trat auf Maćko zu – ein wenig außer Atem vom schnellen Ritt und rot wie ein Äpfelchen.

„Gelobt sei Jesus Christus! Ich komme, um euch von Väterchen zu grüßen und nach eurer Gesundheit zu fragen.“

„Nicht schlimmer als unterwegs“, erwiderte Maćko. „Wenigstens hat man sich auf dem eigenen Mist ausgeschlafen.“

„Aber große Unbequemlichkeit müsst ihr haben, und ein Kranker braucht Pflege.“

„Wir sind harte Kerle. Zwar gibt es anfangs keine Bequemlichkeit, aber auch keinen Hunger. Wir ließen einen Ochsen und zwei Schafe schlachten, Fleisch ist genug da. Die Weiber haben auch etwas Mehl und Eier gebracht, aber das ist wenig, und am schlimmsten fehlt es uns an Geschirr.“

„Ich habe zwei Wagen beladen lassen. Auf dem einen kommen zwei Betten und Geschirr, auf dem anderen verschiedene Vorräte. Es gibt Fladen, Mehl, Speck, getrocknete Pilze, ein Fässchen Bier und eines mit Met – und was es sonst im Haus gab, von allem etwas.“

Maćko, der sich immer über jeden Zuwachs im Haus freute, streckte die Hand aus, strich Jagienka über den Kopf und sagte: „Vergelt's Gott dir und deinem Vater. Wenn wir uns eingerichtet haben, geben wir es zurück.“

„Behüte euch Gott! Sind wir etwa Deutsche, dass wir zurücknehmen sollten, was wir geben?“

„Na, dann vergelt's euch Gott umso mehr. Dein Vater hat erzählt, wie haushälterisch du bist. Hast du etwa das ganze Zgorzelice ein Jahr lang verwaltet?“

„Und ob! Wenn ihr noch etwas braucht, schickt jemanden, der weiß, was nötig ist – denn manchmal kommt ein dummer Diener und weiß nicht, wozu man ihn geschickt hat.“

Da begann Jagienka sich ein wenig umzusehen, und Maćko, der das bemerkte, lächelte und fragte: „Nach wem schaust du dich um?“

„Ich schaue mich nach niemandem um!“

„Ich werde Zbyszko schicken, dass er dir und Zych in meinem Namen dankt. Gefällt dir Zbyszko?“

„Ach, ich habe nicht hingesehen!“

„Dann sieh ihn dir jetzt an, denn er kommt gerade.“

Und tatsächlich kam Zbyszko von der Tränke her, und als er Jagienka erblickte, beschleunigte er seinen Schritt. Er trug einen Wams aus Elchleder und eine runde Filzmütze, wie man sie unter den Helmen trug; sein Haar war ohne Kranzband, über den Augenbrauen gleichmäßig abgeschnitten und fiel in goldenen Locken auf die Schultern herab. Rasch näherte er sich, hochgewachsen, stattlich, einem Edelknaben aus großem Haus ganz ähnlich.

Jagienka drehte sich ganz zu Maćko um, um zu zeigen, dass sie nur zu ihm gekommen war, doch Zbyszko begrüßte sie fröhlich, ergriff dann ihre Hand und führte sie trotz des Widerstands des Mädchens an seine Lippen.

„Warum küsst du mir die Hand?“, fragte sie. „Bin ich etwa ein Geistlicher?“

„Wehrt euch nicht! Das ist so Sitte.“

„Und wenn er dich auch auf die andere küsste für das, was du gebracht hast“, mischte sich Maćko ein, „das wäre nicht zu viel.“

„Und was hat sie gebracht?“, fragte Zbyszko und sah sich auf dem Hof um, wo er außer dem Rappen, der an einen Pfahl gebunden war, nichts weiter sah.

„Die Wagen sind noch nicht gekommen, aber sie werden kommen“, antwortete Jagienka.

Maćko begann aufzuzählen, was sie gebracht hatte, ohne etwas auszulassen. Als er die beiden Betten erwähnte, sagte Zbyszko: „Ich lege mich auch gern auf ein Wisentfell, aber ich danke euch, dass ihr auch an mich gedacht habt.“

„Das war nicht ich: Väterchen“, erwiderte das Mädchen errötend. „Wenn ihr lieber auf einem Fell schlaft, dann zwingt euch niemand.“

„Ich schlafe, wie es kommt. Oft genug hat man nach einer Schlacht im Feld geschlafen mit einem toten Kreuzritter unterm Kopf.“

„Habt ihr denn je einen Kreuzritter getötet? Sicher nicht!“

Zbyszko begann statt zu antworten zu lachen. Maćko aber rief: „Um Gottes willen, Mädchen, du kennst ihn nicht! Er hat nichts anderes getan, als auf Deutsche einzudreschen, dass es nur so krachte. Mit Lanze und Axt, zu allem bereit, und wenn er von weitem einen Deutschen erspäht, dann mag man ihn an einem Seil halten, so reißt er sich los. In Krakau wollte er sogar den Gesandten Lichtenstein schlagen, dafür hätten sie ihm fast den Kopf abgeschlagen. So einer ist er! Und von zwei Friesen werde ich dir erzählen, von denen wir eine Schar und eine so ansehnliche Beute nahmen, dass man für die Hälfte davon ganz Bogdanietz auslösen könnte.“

Da begann Maćko von dem Zweikampf mit den Friesen zu erzählen und dann von anderen Abenteuern, die ihnen zugestoßen waren, und von Taten, die sie vollbracht hatten.

Jagienka hatte sich auf einem Holzblock neben Maćko niedergelassen und hörte mit offenem Mund dieser Erzählung zu, den Kopf hin und her drehend, als wäre er auf Schrauben, bald zu Maćko, bald zu Zbyszko, und sie blickte den jungen Ritter mit immer größerer Bewunderung an. Als Maćko schließlich geendet hatte, seufzte sie und sagte: „Möchte man doch als Junge geboren sein!“

Doch Zbyszko, der während der Erzählung ebenfalls aufmerksam zu ihr hingesehen hatte, dachte in diesem Augenblick offenbar an etwas anderes, denn er sagte unvermittelt: „Aber ihr seid ein hübsches Mädchen!“

Jagienka aber antwortete halb widerwillig, halb traurig: „Ihr habt schon hübschere gesehen als mich.“

Doch Zbyszko konnte ihr ohne Lüge antworten, dass er nicht viele so schöne gesehen hatte, denn von Jagienka ging schlichtweg ein Glanz von Gesundheit, Jugend und Kraft aus. Der alte Abt hatte nicht umsonst von ihr gesagt, sie sehe aus wie halb ein Schneeballstrauch, halb ein Kiefernbaum. Alles an ihr war schön: die schlanke Gestalt, die breiten Schultern, die wie aus Fels gemeißelte Brust, die roten Lippen und die blauen Äuglein, die scharf blickten. Sie war auch sorgfältiger gekleidet als zuvor bei der Jagd im Wald. Um den Hals trug sie rote Perlen, ein offenes Jäckchen, mit grünem Tuch bezogen, einen Rock aus gestreiftem Loden und neue Stiefel. Selbst der alte Maćko bemerkte diese schöne Kleidung, sah sie einen Augenblick an und fragte: „Und warum hast du dich so herausgeputzt wie zu einer Kirchweih?“

Doch statt zu antworten, rief sie: „Die Wagen kommen, sie kommen!“

Als die Wagen vorfuhren, sprang sie darauf zu, und Zbyszko folgte ihr. Das Ausladen dauerte bis zum Sonnenuntergang, zur großen Zufriedenheit Maćkos, der jedes einzelne Stück besah und Jagienka für jedes lobte. Es war schon völlig dunkel, als das Mädchen sich zum Aufbruch rüstete. Beim Aufsteigen aufs Pferd packte Zbyszko sie plötzlich um die Hüfte, und ehe sie ein Wort sagen konnte, hob er sie hoch und setzte sie in den Sattel. Da errötete sie wie die Morgenröte, wandte ihm das Gesicht zu und sagte mit etwas gedämpfter Stimme: „Ihr seid ein starker Bursche.“

Er aber, der in der Dunkelheit ihr Erröten und ihre Verwirrung nicht sah, lachte und fragte: „Und fürchtet ihr euch nicht vor dem Wild? Es wird bald Nacht.“

„Auf dem Wagen ist ein Spieß… reicht ihn mir.“

Zbyszko ging zum Wagen, holte den Spieß und reichte ihn Jagienka.

„Gehabt euch wohl!“

„Gehabt euch wohl!“

„Vergelt's Gott! Ich komme morgen oder übermorgen nach Zgorzelice, um Zych von Zgorzelice und euch für die nachbarschaftliche Freundlichkeit zu danken.“

„Kommt nur! Wir werden uns freuen! Hü!“

Und sie gab dem Pferd die Sporen und verschwand nach einem Augenblick im Gebüsch am Wegesrand.

Zbyszko kehrte zum Oheim zurück. „Es ist Zeit, dass ihr in die Stube geht.“

Doch Maćko antwortete, ohne sich von dem Holzblock zu rühren: „He! Was für ein Mädchen! Der ganze Hof ist von ihr erhellt!“

„Allerdings!“

Es trat eine Weile Schweigen ein. Maćko schien über etwas nachzudenken, blickte zu den aufziehenden Sternen, dann sagte er wieder, wie zu sich selbst: „Und sie ist hübsch und haushälterisch, obwohl sie nicht älter als fünfzehn Jahre ist…“

„Ja!“, sagte Zbyszko. „Der alte Zych liebt sie wie seinen Augapfel.“

„Und er sagte, dass Moczydoły als Mitgift gehen wird, und dort gibt es auf den Wiesen eine Stute mit Fohlen.“

„In den moczydołker Wäldern gibt es angeblich furchtbare Sümpfe?“

„Aber es gibt Biberburgen darin.“

Und wieder trat Schweigen ein. Maćko sah eine Zeitlang Zbyszko von der Seite an und fragte schließlich: „Worüber bist du so in Gedanken? Woran denkst du?“

„Nun… seht ihr… nach Jagienka ist mir Danuśka eingefallen, und es hat mir etwas im Herzen weh getan.“

„Lass uns in die Stube gehen“, sagte darauf der alte Włodyka. „Es ist schon spät.“

Und er stand mühsam auf, stützte sich auf Zbyszko, der ihn bis in die Kammer begleitete.

Zbyszko jedoch ritt gleich am nächsten Tag nach Zgorzelice, denn Maćko drängte sehr dazu. Er nötigte auch dem Neffen ab, dass er zum Zeichen des Anstands zwei Knechte mitnahm und sich so schön wie möglich kleidete, um auf diese Weise Zych von Zgorzelice zu ehren und ihm gebührenden Dank abzustatten. Zbyszko gab nach und ritt geputzt wie zur Hochzeit, in demselben erbeuteten Wams aus weißem Atlas, mit goldener Franse besetzt und mit goldenen Greifen bestickt. Zych empfing ihn mit offenen Armen, voller Freude und mit Singen; Jagienka aber, als sie über die Türschwelle trat, blieb wie angewurzelt stehen und ließ fast das Kännchen mit Wein fallen beim Anblick des Jünglings, denn sie meinte, ein Königssohn sei gekommen. Sie verlor auch sogleich ihre Keckheit und saß schweigend da, nur ab und zu die Augen reibend, als wolle sie aus einem Traum erwachen. Zbyszko, dem es an Erfahrung mangelte, meinte, sie sehe ihn ungern, und sprach daher nur mit Zych, pries seine nachbarliche Freigebigkeit und bewunderte den Hof von Zgorzelice, der in der Tat in nichts dem von Bogdanietz glich.

Überall war hier Wohlstand und Reichtum zu erkennen. In den Stuben gab es Fenster mit Scheiben aus Horn, das fein gehobelt und so glatt poliert war, dass es fast wie Glas durchsichtig war. Es gab keine Feuerstellen in der Mitte der Stuben, sondern große Kamine mit Rauchfängen in den Ecken. Der Fußboden bestand aus sauber gewaschenen Lärchenholzdielen; an den Wänden hingen Rüstungen und eine Menge von tellergroßen Schüsseln, die wie die Sonne glänzten, sowie schön geschnitzte Löffelbretter mit Reihen von Löffeln, von denen zwei aus Silber waren. Hin und wieder hingen auch Bildteppiche, in Kriegen erbeutet oder von wandernden Händlern erworben. Unter den Tischen lagen riesige blasse Auerochsenfelle, ebenso Wisent- und Wildschweinfelle. Zych zeigte bereitwillig seinen Reichtum und sagte dabei immer wieder, das sei Jagienkas Wirtschaften. Er führte Zbyszko auch in eine Kammer, die ganz nach Harz und Minze duftete, in der an der Decke ganze Bündel von Wolf-, Fuchs-, Marder- und Biberfellen hingen. Er zeigte ihm den Käsekeller, die Vorräte von Wachs und Honig, die Mehlfässer, die Vorräte an Zwieback, Hanf und getrockneten Pilzen. Dann nahm er ihn mit in die Speicher, Ställe und Schweinekoben, in die Schuppen, in denen Wagen, Jagdgeräte und Netze standen – und er blendete seine Augen dermaßen mit Reichtum, dass Zbyszko, als er zum Abendessen zurückkam, seine Bewunderung nicht zügeln konnte.

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